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 Das Wichtigste dieser Folge in Kurzform:

  • Studien zeigen, dass Willenskraft weniger eine Charakterfrage, als vielmehr eine Frage des Timings ist.
  • Entscheidungen treffen, Impulse unterdrücken und vieles mehr, braucht unsere Willenskraft auf, geeignete Nahrungsmittel füllen sie wieder auf.
  • Deshalb ist es sinnvoll, die wichtigsten oder unangenehmsten Dinge dann zu erledigen, wenn die Willenskraft noch ausreichend vorhanden ist.

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Mark Twain wird ein Zitat zugesprochen, dass aber vermutlich gar nicht von ihm stammt. Ich finde es aber trotzdem so genial, dass ich es hier auf jeden Fall mit in die Shownotes nehmen möchte (ich schreibe deshalb einfach mal unbekannt dahinter).

Es lautet:

„Eat a Live Frog Every Morning, and Nothing Worse Will Happen to You the Rest of the Day“ (unbekannt)

Also: Esse jeden Morgen einen lebenden Frosch, dann wird dir nichts Schlimmes mehr am Rest des Tages passieren.

Was genau das mit unserer Willenkraft zu tun hat, dazu jetzt mehr.

Willenskraft in unserem Alltag

Wir sind in unserem Alltag ständig mit dem Thema Willenskraft konfrontiert, selbst wenn wir es gar nicht bewusst merken. Schon das Aufstehen am (frühen) Morgen erfordert bei vielen ein gutes Maß an Willenskraft, genauso wie das Zubettgehen am Abend.

Wir versuchen, uns mit Willenskraft dazu zu bewegen, uns an den Schreibtisch zu setzen, um die längst fällige Klassenarbeit zu korrigieren oder das Morgen benötigte Arbeitsblatt aufzusetzen.

Auch von unseren Schülern erwarten wir, dass sie mit Willenskraft ihre Hausaufgaben erledigen, wenn sie eigentlich keine Lust dazu haben, mit Willenskraft für die nächste Arbeit lernen und sich mit Willenskraft morgens wach halten, wenn sie – bezogen auf ihre Entwicklung – eigentlich noch schlafen sollten.

„Wo ein Wille ist, da ist ein Weg.“, habe ich schon gesagt bekommen, als ich selbst noch Schüler war.

Wenn wir nachmittags Sport machen, dann versuchen wir unseren inneren Schweinehund zu überwinden, d.h. wir versuchen, uns mit Willenskraft zum Sport zu „überreden“. Kein sehr glücklicher Ausdruck, den wir da für einen Teil von uns benutzen, wie ich finde.

Offensichtlich kommen wir ohne Willenskraft nicht durch unseren Alltag. Grund genug, sich mit dem Thema etwas genauer auseinanderzusetzen.

Der Willenskraftmuskel

Es gibt sehr willensstarke Menschen und andere, bei denen die Willenskraft nicht so stark ausgeprägt ist. So zumindest die landläufige Meinung. Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht, wie mittlerweile viele Studien bestätigen.

Willenskraft ist nämlich viel weniger eine Charakterfrage, als vielmehr eine Frage des Timings.

Hast du dir schon einmal überlegt, warum du dich an manchen Tagen mühelos an die Korrekturen setzt und an anderen Tagen schon bei dem Gedanken daran einen Magenkrampf kriegst?

Das hat nicht nur mit unserer Stimmung zu tun, sondern auch mit unserem Willenskraftmuskel. Man kann die Willenskraft nämlich tatsächlich mit einem Muskel vergleichen: Richtiges Training  bzw. richtige Ernährung kann den Willenskraftmuskel stärken und nach Beanspruchung muss sich der Willenskraftmuskel wieder erholen.

Das sind die Ergebnisse einiger Studien, die sich näher mit dem Thema befasst haben.

Warum ist das für uns als Lehrer wichtig?

Warum Lehrer besonders mit ihrer Willenkraft zu kämpfen haben

Es gibt Tage, da freue ich mich darauf, mich abends an den Schreibtisch zu setzen und ein paar Stunden für die Schule zu arbeiten. Und es gibt Tage, da fällt es mir schwer, das auch nur für 10 Minuten zu tun.

Das gilt v.a. für solche Tage, an denen in der Schule viel los war, an denen es Probleme mit oder zwischen den Schülern gab und an denen ich dann einfach nur völlig erledigt aus der Schule nach Hause komme. An solchen Tagen habe ich keine Lust auf gar nichts mehr.

Vermutlich kennst du solche Tage auch und weißt, dass man sich dann zu nichts mehr aufraffen kann. Ich kann mich dann auch nicht mehr entscheiden, mich noch an den Schreibtisch zu setzen und die eigentlich anstehenden Arbeiten zu erledigen.

Jede Entscheidung kostet Willenskraft, und die scheint an solchen Tagen einfach nicht mehr da zu sein. Man ist entscheidungsmüde, im Englischen auch bekannt als decision fatique, dort ein feststehender Begriff, zu dem es viele Untersuchungen gibt (gibt einfach mal decision fatique bei Google ein).

Und wir als Lehrer sind besonders von dieser Entscheidungsmüdigkeit betroffen.

Warum?

Weil wir den ganzen Vormittag über bereits hunderte, wenn nicht tausende kleiner Mikroentscheidungen getroffen haben. Und das macht unseren Willenskraftmuskel müde und unsere Entscheidungsfreudigkeit geht gegen Null.

Das ist der Grund (oder zumindest ein Grund) dafür, dass wir nach der Schule häufig erstmal zu nichts mehr Lust haben.

Der Marshmallow-Test

Ende der 1960er / Anfang der 1970er Jahre fanden eine Reihe von Untersuchungen an der Stanford University Bing Nursery School – dem universitätseigenen Kindergarten – statt, die unter dem Namen „Marshmallow-Test“ bekannt wurden. Durchgeführt wurden diese Untersuchungen von Walter Mischel.

Für die Studie wurden 500 Kinder ausgewählt, die einen Marshmallow (eine in den USA sehr populäre Süßigkeit) bekamen. Der Marshmallow wurde auf einen vor den Kindern stehenden Tisch gelegt. Dann wurde den Kindern erklärt, dass der Versuchsleiter für 15 Minuten den Raum verlassen müsse.

Wenn sie es schaffen würden, den Marshmallow in dieser Zeit nicht zu essen, würden sie einen zweiten nach Ablauf der 15 Minuten bekommen.

Also jetzt einen oder später zwei.

Die Kinder entwickelten dann die unterschiedlichsten Strategien, um sich vom Essen des Marshmallows abzuhalten – meistens allerdings ohne Erfolg. Nur ca. 30% der Kinder schafften es, den Marshmall nicht zu essen. Im Durchschnitt hielten die Kinder nur 3 Minuten aus, bevor sie den Marshmallow aßen.

Welche Strategien die Kinder entwickelten, um sich selbst und ihr Verlangen nach dem Marshmallow zu überwinden, das kann man auch sehr schön im Werbespot eines bekannten Schokoladeneiherstellers sehen, der diesen Test für eine Werbekampagne aufgeriffen hat.

Solche Strategien waren z.B. das sich in den Haaren ziehen, sich Abwenden oder das Streicheln des Marshmallows. Bei Youtube gibt es eine ganze Reihe Videos dazu.

Ziel der Studie war es, die Impulskontrolle bei Personen und den Einfluss von Situations- und Persönlichkeitsfaktoren dabei näher zu untersuchen. Letztlich ging es also um die Untersuchung der Willenskraft.

Der Versuch an sich ist schon sehr interessant. Noch interessanter wurde das Ganze dann, als Walter Mischel durch Erzählungen seiner eigenen Kinder, die ebf. in dem Kindergarten der Universität untergebracht waren, über den weiteren Werdegang der Kinder, die teilgenommen hatten, erfuhr.

Dabei bekam Mischel das Gefühl, dass der Ausgang des Tests Aussagen über den späteren Lebensweg zuließ. Er untersuchte daraufhin das Originalmaterial noch einmal und veröffentlichte in den 1980er Jahren eine Reihe von Studien darüber (hier ist eine davon).

Das Fazit war, dass die Kinder, denen es gelang, ihre Bedürfnisbefriedigung aufzuschieben, später erfolgreicher in ihren akademischen Abschlüssen waren, ein besseres Selbstwertgefühl hatten und auch besser mit Stress umgehen konnten.

Es gibt auch ein sehr spannendes Video von einem Interview mit Walter Mischel direkt, in dem er auch über den Versuch und die Folgerungen daraus spricht.

Hier ist es:

 

Falls das Video nicht angezeigt werden sollte, kannst du es hier auf youtube.com aufrufen.

Dieses Video ist im erweiterten Datenschutzmodus von Youtube eingebunden, der das Setzen von Youtube-Cookies solange blockiert, bis ein aktiver Klick auf die Wiedergabe erfolgt. Mit Klick auf den Wiedergabe-Button erteilst du deine Einwilligung dazu, dass Youtube auf dem von dir verwendeten Endgerät Cookies setzt, die auch einer Analyse des Nutzungsverhaltens zu Marktforschungs- und Marketing-Zwecken dienen können. Näheres zur Cookie-Verwendung durch Youtube findest du in der Cookie-Policy von Google unter https://policies.google.com/technologies/types?hl=de.

 Kinder, denen dieser Belohnungsaufschub in dem Test nicht so gut gelang, hatten ein größeres Risiko für eine spätere Dorgenabhängigkeit und waren häufiger übergewichtig.

Die Studien wurden in jüngerer Zeit wegen des Studiendesigns zwar kritisiert, aber bisher nicht widerlegt. Die Willenskraft wird also weiterhin als wichtiger Erfolgsfaktor im Leben diskutiert (hier geht´s zu der Studie).

Warum Mathematik dick machen kann

In einer anderen, ebenfalls an der Stanford University unter der Leitung von Baba Shiv durchgeführten Studie, wurden 165 Studenten in zwei Gruppen eingeteilt (hier gibt´s detailiertere Infos dazu). Eine Gruppe sollte sich eine 7-stellige, die andere eine 2-stellige Zahl merken.

Anschließend wurden die Studenten in einen anderen Raum gebeten, wo sie die auswendig gelernte Zahl erinnern sollten. Auf dem Weg in den anderen Raum wurde den Studenten als Dankeschön für die Teilnahme an der Studie zum Einen Kuchen (ungesunder Snack, für den man wenig Willenskraft aufwenden muss), zum anderen Salat (gesunder Snack, der mehr Willenskraft erfordert) angeboten.

Das Interessante: Die Studenten, die sich die 7-stellige Nummer merken sollten, griffen doppelt so häufig zum ungesunden Kuchen, den zu nehmen wenig Willenskraft erforderte.

Das Fazit aus dieser Studie: Je mehr wir unser Gehirn nutzen, desto weniger Willenskraft haben wir. Und das gilt nicht nur für das Auswendiglernen von Zahlen, sondern auch jedesmal, wenn wir z.B. eine Entscheidung treffen.

Und das ist ja gerade einer der Punkte, die auf uns als Lehrer zutreffen. Wir treffen tagtäglich in der Schule eine Vielzahl von Entscheidungen. Kein Wunder, dass wir nachmittags dann häufig keine Willenskraft mehr haben und uns dann nur schwer zu unangenehmen Arbeiten aufraffen können – jedenfalls solange, bis unsere Willenskraft sich wieder regeneriert hat.

Weitere Dinge, die unsere Willenskraft aufbrauchen (und die teilweise ebf. häufig im Schulalltag eine Rolle spielen) sind:

  • Sich auf irgendetwas fokussieren und die Konzentration aufrecht erhalten
  • Sich neue Gewohnheiten zulegen
  • Ablenkungen herausfiltern
  • Versuchungen widerstehen
  • Emotionen unterdrücken und Impulse zurückhalten
  • Tests und Prüfungen absolvieren
  • der Versuch, andere zu beeindrucken
  • mit Ängsten umgehen
  • etwas tun, was man nicht mag
  • Belohungen aufschieben

Unsere Willenskraft ist wie eine Batterie, die im Laufe des (Schul)tages leerer und leerer wird und die wir anschließend erst wieder v.a. durch geeignete Nahrungsmittel aufladen müssen, bevor sie uns wieder zur Verfügung steht.

Zum gleichen Schluss kommt auch eine Meta-Studie aus dem Jahr 2007, in der man genau diesen Zusammenhang zwischen Ernährung und Willenkraft näher untersucht hat.

Wie du deine Willenskraftbatterie wieder aufladen kannst

Das Aufladen dieser Willenkraftbatterie passiert z.B. durch geeignete Nahung. Und das sind v.a. komplexe Kohlenhyrate und Proteine – nicht gerade das, was im Lehrerzimmer auf dem Tisch steht.

Laden wir diese Batterie nicht wieder auf, verfallen wir in eine Art Standard-Einstellung.

Auch dazu gibt es eine interessante Untersuchung der Stanford School of Business in Kalifornien in Zusammenarbeit mit der University of the Negev, in der man die Entscheidungen von Richtern in Kurzverfahren analysiert hat.

Heraus kam dabei, dass die Wahrscheinlichkeit eines Freispruchs morgens und nach Pausen signifiant höher war. Begründet wird das damit, dass Entscheidungsprozesse im präfrontalen Cortex unseres Gehirns stattfinden. Das ist der entwicklungsgeschichtlich jüngste Teil des Gehirns und der, der als erstes „heruntergefahren“ wird, wenn nicht ausreichend Energie zur Verfügung steht.

Wir handeln dann „automatisch“ aus einer Art Standard-Einstellung heraus. Und die ist bei den meisten Richtern, dass ein Angeklagter schuldig ist (auch wenn die Rechtsgrundsätze das anders bestimmen – aber vielleicht ist das ja gerade der Grund dafür, dass eine Notwendigkeit bestanden hat, eine Unschuldvermutung expliziz festzuschreiben).

Was bedeutet das für die Praxis?

Wenn wir wissen, dass unsere Willenskraft im Laufe des Tages – gerade bei uns Lehrern – immer mehr abnimmt, sollten wir die Dinge, die uns am wichtigsten sind, möglichst zuerst machen. Wenn es also irgendwie geht, schon vor der Schule.

Falls du also z.B. meditieren lernen willst, um etwas für deine Entspannung zu tun, versuche das morgens vor der Schule zu machen. Und falls du jeden Tag etwas lesen willst, was nichts mit der Schule zu tun hat, dann mache das nach Möglichkeit morgens vor der Schule.

Statt gegen unseren inneren Schweinehund zu kämpfen (was nur zusätzlichen Stress erzeugt), könnten wir versuchen, unsere Willenskraft auf eine smarte Art zu nutzen – z.B., indem wir uns gezielt eine Ruhezeit gönnen und unseren Nährstoffspeicher auffüllen, bevor wir uns nachmittags an Aufgaben machen, die unsere Willenskraft erfordern.

Am Wochenende könnten wir entweder den Tag mit den Dingen starten, die uns für das Wochenende am wichtigsten sind – z.B. die Wanderung, die wir immer schon mal machen wollten, oder wir machen die Dinge zuerst, die uns am meisten Überwindung kosten.

Genau das ist ja die Bedeutung meines Eat-the-Frog-Eingangszitats.

Statt also die notwendige Korrektur der nächsten Klassenarbeit auf den Sonntagabend zu schieben, versuche doch mal, dass bereits am Vormittag zu erledigen.

Oder wir könnten uns einmal etwas intensiver mit unserer Morgenroutine befassen und überlegen, wie diese aussehen könnte, damit wir einen guten und energiegelasdenen Start in den Tag haben.

Wir könnten lernen, den Tag um die Hochs und Tiefs unseres Willenskraftmuskels herum zu planen, anstatt permanent im Kampf mit uns und unserem inneren Schweinehund zu leben.

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Schreib mit deine Erfahrungen mit den Ideen, die ich hier vorgeschlagen habe und schreibe auch deine Ideen und Vorschläge mit dazu. Ich freue mich über jeden Kommentar!

P.S.: Natürlich muss man sich auch manchmal dann zu Dingen motivieren, wenn man eigentlich überhaupt keine Lust darauf hat und man alleine mit der Willenskraft nicht weiterkommt. Genau dafür habe ich in der nächsten Folge eine coole Technik für dich!

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